Wahrheiten über das Wechselmodell – ab auf den Prüfstein! Folge 3
Wahrheiten über das Wechselmodell - ab auf den Prüfstein! Folge 3

Nach und nach wird die freundliche Familienmediatorin die Wahrheiten über das Wechselmodell auf den Prüfstein stellen – dieses ist der dritte Streich:

Wahrheiten über das Wechselmodell # 3: Das Wechselmodell macht das Kind unglücklich, denn das Kind gehört zur Mutter.

2016 brachte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Väterreport heraus: ein begeisterter Bericht über das Vatersein in Deutschland heute.

 

Denn es hat sich was getan in Deutschland – das ist unbestritten.  69 Prozent der heutigen jüngeren Väter sagen, dass sie sich mehr als ihre eigenen Väter an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder beteiligen. Und sie bewerten diese Veränderungen als persönlichen Gewinn.

 

Die Frage ist nur: was hagt sich denn genau getan? Denn der Wunsch der Väter nach gleichberechtigter Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit ist eine Sache. Die Realität durchaus eine andere.

 

Und wenn sich Vater und Mütter trennen, dann finden sie sich urplötzlich gefühlt in der Adenauerzeit wieder. Die deutliche Mehrheit (93 Prozent) der Kinder lebt nach der Trennung der Eltern hauptsächlich bei der Mutter. Das Wechselmodell, bei dem Mutter und Vater gleichermaßen Eltern bleiben, findet kaum Anwendung, und zwar selbst in den Familien, die vor der Trennung ein paritätisches Familienmodell angestrebt haben.

 

Kinder sind Frauensache. Warum ist das so?

 

Es ist leider kein Klischee, dass bei vielen Paaren der Kinderwunsch bei den Frauen stärker ausgeprägt ist als bei den Männern. Viele Frauen schieben schon in Gedanken den Kinderwagen , während die Männer dies noch in weiter Zukunft sehen – die biologische Uhr tickt halt nur für die einen. Während der Schwangerschaft ist der Mann in die Rolle des Zuschauers verbannt, während der Frau die Hormone schon bis zu den Ohren gehen. Beim Stillen ist es genauso: die Frauen schwimmen in Prolaktin und Oxytocin, die beide nicht nur für die körperliche Regeneration sorgen, sondern auch die Bindung zwischen Mutter und Kind verstärken. Die Männer schauen zu.

 

Eine enge Beziehung zwischen Vater und Kind kommt also nicht von selbst. Väter von kleinen Kindern sind exakt so weit involviert, wie die Mutter es zulässt. Viele Mütter wollen – gerade wenn sie bald wieder zumindest in Teilzeit an den Arbeitsplatz zurückkehren – eine „besonders gute“ Mutter sein und beweisen, dass sie beide Aufgabenbereiche „wuppen“. Anstatt dass sie die Entlastung durch den Vater gerne annehmen, lächeln sie tapfer „alles eine Frage der Organisation“ und lästern mit ihren Freundinnen gerne über die inkompetenten Männer, die schon wieder die falsche Windelgröße gekauft haben. Woher ich das so genau weiß? Tja.

 

Die Väter hingegen leben die so vollmundig angekündigte partnerschaftlicher Elternarbeit nicht ganz so aus. Zwar gehen derzeit fast 36% der Väter in Elternzeit, aber vier von fünf Vätern wählten lediglich die Mindestbezugsdauer von zwei Monaten und fahren mit der Familie in Urlaub anstatt den Alltag zu leben. Spricht man sie darauf an, zucken sie mit den Schulter und murmeln „maternal gatekeeping“ und „geht nicht mit dem Job“.

Wir leben also zur Zeit in einer Situation, in der die meisten Paare eine gleichberechtigte Beziehung für richtig erachten, aber nicht leben. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist eine enorme Belastung für jede Beziehung und meiner Meinung nach einer der großen Faktoren für die hohe Trennungs- und Scheidungsrate.

Das Wechselmodell: Gleichberechtigung, lieber zu spät als nie

Nun sitzen die Eltern also bei der freundlichen Familienmediatorin und der Vater möchte das Wechselmodell.

 

Wie willst Du das denn machen, sagt die Frau. Ich habe mich all die Jahre um die Kinder gekümmert, und du hast nur geholfen. Gar nicht wahr, sagt der Mann, manchmal auch: Ich hätte ja gerne mehr getan.

 

Das Kind will das gar nicht, denn das Kind gehört zur Mutter, mir Dir ist die Bindung nicht so eng, denkt die Mutter. Und spätestens hier ist klar: es geht gar nicht so sehr um das Kind, sondern um ihr Selbstverständnis und ihre Rolle in der Familie.

 

Das Wechselmodell bietet nun die Möglichkeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Leben die Kinder je zur Hälfte beim einen und beim anderen Elternteil, findet tatsächlich das statt, was eigentlich schon während der Paarbeziehung wünschenswert gewesen wäre:

  • Die Erziehungsarbeit wir gerecht aufgeteilt
  • Die Mutter wird zeitlich entlastet und kann daher eher zumindest annähernd Vollzeit arbeiten (oder auch einmal für sich etwas tun!)
  • Der Vater kann eine wichtigere Rolle im Leben der Kinder spielen und wird nicht aus der Familie herausgedrängt

Mein Ex-Mann und ich, wir leben das Wechselmodell. Meine Kinder empfinden den wöchentlichen Umzug als geringes Übel, das mit doppelten Urlaubsreisen und doppeltem Spielzeug mehr als aufgewogen wird. Wenn ich ihnen erzähle, dass in vielen Familien die Kinder den Vater nur noch alle zwei Wochen sehen, sind sie hell empört.

 

Ganz im Geheimen habe ich die Vorstellung, die Bindung wäre zwischen den Kindern und mir immer noch ein kleines Dötzchen enger als zwischen den Kindern und dem Vater. Trotzdem – ich bin froh, dass ich ihnen nicht als kleinen Kindern zugemutet habe, die Erfahrung zu machen, dass einer, den man liebt, die Koffer packt und geht, und man ihn nicht wiedersieht. Und ich bin froh, dass ich nicht alleinerziehend bin.

Wahrheiten über das Wechselmodell – Warum?

Unlängst stellte jemand in einer Facebook-Gruppe die Frage, was man denn beachten müsse, wenn nach einer Trennung das Wechselmodell in Betracht gezogen wird.

Da schüttelte die freundliche Familienmediatorin locker gleich einen Punkt nach dem anderen aus dem Ärmel, denn aus der eigenen Familiengeschichte und aus ihrer Beratungstätigkeit hat sie ja doch einen gewissen Erfahrungsschatz zusammengetragen.

Die Leserin war’s zufrieden, die Mediatorin irgendwie nicht.  Denn in mir rumorte es weiter, denn all dies, was ich so locker von mir gegeben habe – hat dies bei näheren Hinsehen wirklich Bestand?

Wenn sich jemand in einer Trennungssituation befindet, dann muss genau hingesehen werden, welche Lösung für diese eine Familie die beste ist. Wie in so vielen Situationen im Leben, können Glaubenssätze den Blick verstellen. Weil wir glauben, dass eine Sache ohnehin nur unter diesen oder jenen Umständen funktioniert, schauen wir gar nicht erst nicht genauer hin.

Das genauere Hinschauen übernehme ich dann einmal.

Die erste Folge von Wahrheiten über das Wechselmodell untersucht die Frage, warum das Wechselmodell auch bei hocheskalierten Konflikten funktioniert.

Bei der zweiten Folge wird untersucht, ob das Wechselmodell wirklich nur funktioniert, wenn die Eltern gleich um die Ecke wohnen.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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