Von der Leichtigkeit der Scheidung

In konservativen Kreisen hört man oft den Vorwurf, heutzutage mache man es sich mit der Entscheidung sich zu trennen oder scheiden zu lassen, viel zu leicht.  Es geistert die Mär von den hedonistischen Freigeistern, die bar jeder Verantwortung und voller Leichtigkeit bei den ersten Schwierigkeiten, die in jeder Beziehung nun einmal kommen werden, die Flinte ins Korn werfen und sich den nächsten suchen. Die Kinder wachsen traumatisiert auf, weil sie gar nicht hinterherkommen mit Papa, Mama, Mamas Neuem, Papas Neuer, und auch Mamas Neuer und Papas Neue werden bald ersetzt werden, man braucht sich die Namen gar nicht zu merken.

Die freundliche Mediatorin hat nun einen recht großen Bekanntenkreis und gerade im Hamburger Schanzenviertel müssten solche Leute doch aufzutreiben sein? In all den Jahren ist mir eine solche Leichtigkeit aber nur ein- oder zweimal begegnet. Da waren jedoch keine Kinder im Spiel und dann sollen die Leute doch machen, was sie wollen.

 

Erstaunlich ist aber, wie kurz das kollektive Gedächtnis ist, wenn es darum geht, was es für Menschen bedeutet, wenn sie sich – sei es aus gesellschaftlichen oder aus finanziellen Gründen – nicht trennen können. Das ist auch bei uns in Deutschland noch nicht so lange her.  Mit der Einführung der Zivilehe 1875 wurde eine Scheidung zwar formal möglich, aber hundert Jahre später wurden gerade in ländlichen Gebieten noch Kinder dafür ausgegrenzt – als wenn nun diese was dafür könnten, dass die Ehe der Eltern scheitert.

 

Leichtigkeit

Leichtigkeit

Derzeit liest die freundliche Mediatorin den amerikanischen Roman „Stoner“ von John Williams. Die Geschichte eines Unsichtbaren:

„… Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahme, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn.“ Dass er die falsche Frau geheiratet hatte, war ihm schon kurz nach den Flitterwochen klar. Die einzige Tochter wird von der Ehefrau instrumentalisiert. Kein nennenswerter beruflicher Erfolg, kaum Freunde.

Jedoch: er verliebt sich, und für ein paar Seiten kann man ahnen, was für ein erfülltes Leben möglich gewesen wäre mit dieser Frau an der Seite.

Es geht aber nicht. Er kann seine Frau nicht verlassen, er kann die Parallelbeziehung nicht aufrechterhalten, sie trennen sich, und die paar leuchtenden Jahre sind vorbei.

 

Was für eine Tragödie, dass eine falsche Entscheidung, die viel zu jung und mit viel zu wenig Lebenserfahrung gefällt wurde, das ganze Leben prägen muss.

 

Ganz abgesehen davon, dass die Situation für die Tochter auch nicht gerade beneidenswert ist. Von den eigenen Eltern vorgelebt zu bekommen, wie man in Kälte und Verachtung aneinander vorbeilebt, das prägt. Die meisten Kinder würden sich wohl gerne ein paar Namen mehr merken.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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