Und das nicht nur zur Weihnachtszeit
Weihnachtszeit

Wer sich zur Weihnachtszeit immer und ohne Einschränkung auf seine Verwandtschaft freut, braucht diesen Artikel nicht zu lesen. Wer nicht, der doch.

Streit zur Weihnachtszeit – auch so’ne Tradition

Weihnachten ist die Zeit der Traditionen: In den meisten Familien gibt es immer den gleichen Baumschmuck, das gleiche Essen – und Streit, trotz bester Vorsätze. Kein Wunder, dass viele den Feiertagen mit eher gemischten Gefühlen entgegen sehen.

Denn jedes Jahr ist es das gleiche: Trotz bester Vorsätze wird die Stimmung irgendwann gereizt, trotz bester Vorsätze eskaliert die gereizte Stimmung irgendwann zum Streit, trotz bester Vorsätze ist man eher froh, wenn die Tage vorbei sind. Silvester kann man mit den Freunden die Geschichten zum besten geben, dann lässt man ein paar Wochen ohne Kontakt ins Land ziehen. Im nächsten Jahr: repeat.

Warum ist das so? Und was können wir besser machen?

Weihnachtsfalle 1: Die Erwartungshaltung

Die Weihnachtszeit ist etwas ganz besonderes. Für die Kinder sowieso, denn die Mischung aus Schokolade satt, Geschenke satt und kitschige Deko satt mit einem Adventskalender zum Runterzählen ist unwiderstehlich.

Aber auch wir Erwachsenen sind davor nicht gefeit. Wer hat Die Korrekturen von Jonathan Franzen gelesen? Die Mutter versucht mit ihren drei Erwachsenen Kindern ein „richtiges“ Weihnachtsfest zu feiern – ein womöglich letztes Mal angesichts des rapiden gesundheitlichen Verfalls des Vaters. Natürlich es geht schief.

Denn die Weihnachtszeit ist für die einen die Gelegenheit, die vermeintlich schöne Vergangenheit hervorzubeschwören. Aber jede Familie ist Veränderungen unterworfen. Und die anderen sind froh um jede Veränderung. Aber auch die Vergangenheit will gewürdigt werden.

 

Die Weihnachtszeit sollte nicht funktionalisiert werden. Sie ist keine Gelegenheit, eine Familiendynamik zu ändern oder die Menschen zu ändern. Die grantige Tante wird auch zu Weihnachten grantig sein. Die pubertierenden Nichten werden auch in diesem Jahr keine Lust auf Familie haben. Die Anspannung und Nervosität, ob das Fest auch gut gelingen würde und das Glas Rotwein tun ihr übriges.

Natürlich müssen innerhalb einer Familie Probleme angesprochen werden. Aber es gibt bessere Gelegenheiten.

Weihnachtsfalle 2: Wir sind nie richtig erwachsen geworden

Während des Studiums sind wir über Weihnachten „nach Hause“ gefahren. Heute, 25 Jahre später fahren wir immer noch. Warum eigentlich?

 

Die freundliche Mediatorin kennt das Problem. Zur Weihnachtszeit reist die ganze Familie nach Berlin, drei Generationen, drei Geschwister, acht Kinder, alle sitzen vereint unter dem Tannenbaum. In den Anreisesog gerieten auch schon *sehr* entfernte Verwandte, die sonst alleine gewesen wären. Zu zwölft, zu dreizehnt, zu fünfzehnt, das macht keinen Unterschied.

 

Und das Fest findet immer in meinem Elternhaus statt. Das hat durchaus praktische Gründe. Bei meiner Schwester oder bei mir wäre nicht genug Platz, mein Bruder reist aus Spanien an, bei meinem Vater hingegen hat quasi der Weihnachtsbaum ein eigenes Zimmer.

 

Das bedeutet aber nicht nur Reisestress. Ich muss als Geschiedene wenigstens nur zu einer Familie. Wer noch zu den Schwiegereltern muss, verbringt Weihnachten auf Achse.

 

Es bedeutet auch, dass ich mir darüber im klaren sein muss, wo mein „Zuhause“ ist. Dort, wo ich aufgewachsen bin – oder dort, wo ich mein Leben führe?

 

Bin ich in meinem Elternhaus ein gleichberechtigter Gast auf Augenhöhe oder rutsche ich wieder in die Kind-Rolle? Achtet darauf, was Euch nervt in der Kommunikation mit Euren Eltern. Meist sind es die mit Sicherheit wohlgemeinten Bemerkungen, die uns aber wieder klein machen. „Du kommst aber spät“! „Du siehst blass auch – schläfst Du genug?“ „Iss tüchtig!“ – wenn wir nicht aufpassen, nehmen wir wieder die Rolle des halbwüchsigen Kindes ein, genau in der Phase, in der wir uns eigentlich aus gutem Grunde abgenabelt haben.

 

Meine Eltern haben Weihnachten immer „bei sich“ gefeiert. Die Großeltern konnten kommen oder es bleiben lassen. Meine Generation hat versäumt, den Stab aufzunehmen.

Weihnachtsfalle 3: Essen – schwierig, schwierig…

Bei meinen Eltern gibt es Gans. Notzeiten einmal herausgerechnet, gab es in deren Elternhäusern im Zweifel Gans, und in deren Elternhäusern auch, und… Angeblich stammt der Brauch als Weihnachtsessen eine Gans zu verspeisen, aus dem 16. Jahrhundert.

Nur konnte man sich über die ganzen Jahrhunderte hinweg die Anzahl der Vegetarier und Veganer wahrscheinlich an den Fingern einer Hand abzählen.

 

Heutzutage haben wir in jeder Familie Vegetarier, Veganer, Fruktarier, Menschen mit Gluten- oder Laktoseintoleranz oder schlichte Kalorienzähler. Die einen stehen drei Tage in der Küche, die anderen schieben angewidert den Teller weg.

 

Ne jut jebratene Jans is ne jute Jabe Jottes sagt man in Berlin – aber vielleicht ist es in manchen Familien Zeit mit der Tradition zu brechen.

Um des lieben Friedens willen – warum soll es zu Weihnachten nicht ein Buffet geben, zu dem jeder etwas beisteuert, sei es nun Gänsekeulen oder Quinoa-Chia-Samen-Auflauf (gibt es wirklich: Rezept hier)?

Weihnachtsfalle 4: Wir wollen perfekt sein und sind stattdessen erschöpft

Ihr habt den neuen EDEKA-Weihnachtsspot gesehen? Nein, bitte keine Diskussion zur angeblichen Nazi-Symbolik. Stattdessen sollten wir uns alle an mit den Keksteig verklebten Finger an die mit Mehl bestäubte Nase fassen. Ja – wir wollen unsere Weihnachtszeit perfekt haben. Und vergessen dabei, worum es eigentlich geht.

 

Dieses Jahr ist nun die Weihnachtszeit extrem arbeitnehmer- und (vor allem) schülerunfreundlich. Anstatt Kekse zu backen und Geschenke zu basteln, müssen meine Kinder Vokabeln und Grammatikregeln pauken. Da ist es meine Aufgabe als Mutter, das Tempo herauszunehmen, wo auch immer es geht.

 

Der Besuch beim Weihnachtsmarkt in Lübeck wird nicht stattfinden – wir gehen lieber zum Weihnachtsmarkt um die Ecke. Die Kekse werden wir dieses Jahr wohl auch nicht selber backen. Wir sind dann mal auf dem Weihnachtsmarkt, um die Ecke. Und Weihnachtskarten werde ich dieses Jahr auch nicht schicken, weder private noch berufliche. Das Geld werde ich spenden, und dafür mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt gehen, um die Ecke.

 

In diesem Sinne – Prost Glühwein!

 

 

 


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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