Kinder in der Mediation: Gute Idee oder nicht?
Kinder in der Mediation: Gute Idee oder nicht?

Das schlechte Gewissen nagt an der freundlichen Mediatorin

Als die freundliche Mediatorin vor drei Jahren mit ihrem nunmehr Ex-Mann die Mediation anfing, waren Kinder noch recht klein: 4 und 6 Jahre alt. Somit in einem Alter, in dem eine Entscheidung der Eltern, Dienstag seid Ihr beim Papa und Donnerstags bei der Mama, nicht wirklich hinterfragt wird. Glück gehabt, dachte ich, und ahnte, dass eine Regelung über die Köpfe der Kinder hinweg nur ein paar Jahre später nicht so einfach abgenickt werden würde.

 

Wie regelmäßige Leser wissen: nur ein paar Wochen nach der Trennung hatte ich meine Ausbildung als Mediatorin angefangen. Die nächsten Monate konnte ich mich dem Thema Mediation also von zwei Seiten nähern: Praktisch und theoretisch, als Kundin und als Mediatorin in spe.

 

Und hier fand sich das Thema „Kinder in der Mediation“ wieder, diesmal von der theoretischen Seite. Hmhm, schwierig, hieß es da, grundsätzlich sollten die Eltern immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie in der Mediation über lebende Kinder entscheiden und nicht nur über das geduldige Meißener Porzellan. Zum Beispiel, indem für die beiden gemeinsamen Kinder zwei zusätzliche Stühle an den Tisch gestellt werden. Die bleiben dann zwar leer, erinnern aber ständig daran, dass es nicht nur um die Paarebene geht, sondern auch um die Elternebene.

 

Das klingt zunächst nach Psycho-Hokus-Pokus, funktioniert aber. Allein, es löst ein Problem nicht – ob jetzt da Stühle stehen oder nicht, ich rede über die Kinder und nicht mit den Kindern. Die Bedürfnisse gerade älterer Kinder / Jugendlicher werden dabei leicht übergangen und in einer derartigen Krisensituation haben die Eltern mit Sicherheit nicht die Antennen dafür.

 

Theorie…

Würde es dann nicht nahe liegen, Kinder und Jugendliche direkt in die Mediation zu involvieren? Heiner Krabbe, der Leiter der Mediationswerkstatt Münster hat hierzu einen lesenswerten Aufsatz geschrieben: Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Familien-Mediationen

 

Heiner Krabbe stellt hier mehrere Thesen auf:

  • In der heutigen Gesellschaft werden viele Kinder unterschiedliche Familienformen mit unterschiedlichen Bezugspersonen erleben. Das erfordert verstärkt Abstimmungs-, Koordinations- und Integrationsleistungen, daher einerseits eine Zunahme an offenen Konflikten, andererseits aber vermehrt Möglichkeiten zu lernen, kooperativ miteinander umzugehen, für unterschiedliche Lebenslagen passende Lösungen zu entwickeln.
  • Der Mediationsprozess sollte als offener und direkter Prozess gelebt werden – von allen Familienmitgliedern. Daher sollen Kinder und Jugendliche nur ein Anwesenheit der Eltern beteiligt werden.
  • Die Verantwortung für die Vereinbarung soll bei den Erwachsenen liegen. Gleichwohl haben Kinder und Jugendliche in ihrer Familienform ihre eigenen Wirklichkeiten, die sie mit in die Familien-Mediation einbringen könnten, ohne dass ihnen Verantwortung aufgebürdet wird. Schließlich wird ihnen ja auch abverlangt, die von den Erwachsenen geschaffene Familienform mitzutragen, sich an ihr zu beteiligen.

 

Klingt alles gut und schlüssig, dachte ich. Der Ex-Mann und ich, wir haben alles falsch gemacht, dachte ich weiter. Und ganz objektiv haben wir uns schon nicht mit Ruhm bekleckert, als es darum ging, den Kindern von der Trennung zu berichten. Wir sagen es ihnen gemeinsam, sagten wir und blickten angestrengt aneinander vorbei. Aber nicht heute.

 

Am Ende nahm der Ex-Mann die sechsjährige Tochter zu einer Wohnungsbesichtigung mit und auf die Frage, was sie denn hier wollten, sagte er nur: Papa zieht aus.  Eine Woche später fuhr ich mit den Kindern alleine in Urlaub, als wir wiederkamen, hatte der Papa eine neue Wohnung und los ging es mit dem Wechselmodell, das wir ganz ohne Kinder in der Mediation vereinbart hatten. Die klassische Kalte-Wasser-Methode also.

 

Wir haben dann jeder für sich die Fragen beantwortet, wenn sie gestellt wurden – teils Monate später, teils heute noch. Das Große Gespräch, es hat nie stattgefunden. Als diesen Sommer der Betreuungsrhythmus geändert wurde, da gab es auch keine Familienkonferenz. Ab dem neuen Schuljahr machen wir es so und so. Ein paar Wochen später: Und, wie findet ihr’s? Offene Entscheidungsprozesse gehen anders.

 

Hätte man alles anders machen können. Aber wie? Wie sieht es in der Praxis aus? Mittlerweile ist die Mediation mit dem Ex-Mann abgeschlossen, ich habe selbst Erfahrung als Mediatorin sammeln können, aber mir war immer noch nicht klar, wann und wie ich die Kinder hätte involvieren sollen.

… und Praxis. Also eher ein Test.

Praktischerweise konnte ich auf der Fachtagung des BAFM (Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation)  im November in Hamburg einen workshop zu dem Thema besuchen.  Und in diesem workshop haben wir Mediatoren und Mediatorinnen das getan, was wir am liebsten tun:

Ein Rollenspiel. Wir lieben Rollenspiele. Mediatoren sind geborene Schauspieler.

 

Entspannt lehnten sich Mediator und Co-Mediator in ihren Sitzen zurück – Heimspiel! Eltern und Kinder nahmen gemäß der Empfehlung von Heiner Krabbe in systemischer Anordnung Platz: Kinder als ein Subsystem zusammen, die Eltern rechts und links davon.

 

Eine gestandene Mediatorin aus München schaffte es mühelos, im Handumdrehen zu einem bayerischen Buam zu mutieren. Lesen könnt‘ er noch ned so guat, aber wennst vorliest, geat dös fei scho‘.  Die Schwestern hingegen, 13 und 17 Jahre alt, hingen gelangweilt in den Sitzen, ununterbrochen in imaginäre Smartphones tippend. Seid ihr alle pein-lich!

 

Die Eltern hingegen, die ja gar nicht die wirklichen Eltern sind, brauchten gar nicht zu schauspielern. Beide rutschten auf ihren Klappstühlchen hin und her, wussten nicht, wohin sie schauen sollten und wünschten sich ganz, ganz weit weg, gerne auf einen Zahnarztstuhl oder in ein Brennesselfeld.

 

Denn wenn Kinder mit Hilfe der Mediatoren, ob widerwillig oder nicht, verhandeln ob sie mehr oder weniger Zeit mit der Mutter oder dem Vater verbringen wollen, dann hören die Eltern automatisch die schlimmste aller Fragen dabei heraus: „Wen hast Du lieber, die Mama oder den Papa?“

 

Und dann erzählte der Bua in aller kindlicher Unschuld und Brutalität, er wolle lieber alle Wochenenden zum Papa, denn der würde lustige Sachen unternehmen,  während die Mama ja nur heulen würde. Da krümmte sich die Mutter, die ja gar keine Mutter ist, in ihrem Stuhl und der Vater, der ja gar nicht der Vater ist, versuchte immerhin, ein triumphierendes Lächeln zu unterdrücken.

 

Jahre später wird der Bua, der dann ein g’standnes Mannsbild ist, sich an dieses Situation erinnern und es wird ihm unendlich leid tun.

 

Die Schwestern hingegen schauten von ihren Smartphones auf. So wäre das ja gar nicht, die Mama ist halt traurig (vorwurfsvoller Blick an den Vater), aber so schlimm wäre es auch nicht, neulich wären doch alle zusammen in den Zoo gegangen. Und wennst jetza imma nur zum Papa willst, wird die Mama noch trauriger.

 

Merke auf: ein fünfjähriger Bua soll nun die Verantwortung dafür tragen, dass die Mama über die Trennung hinweg kommt. Na, super.

 

Nächstes Rollenspiel: Wie sollen die Eltern dem Kind erzählen, dass es bei der nächsten Mediationssitzung „einfach mal“ dabei sein soll? Beide Eltern sollen zusammen mit dem Kind sprechen, ermuntert uns die Workshopleiterin. Immer schön zugewandt, nicht wahr?

 

Neue Schauspieler! Schnell haben sich zwei Eltern gefunden, und das Kind, das war nun ich.

 

Und ich war wieder zwölf. Mama und Papa beugen sich zu mir runter, einer von rechts, einer von links, Fluchtweg abgeschnitten. Was wollen die? Die lächeln schon wieder so komisch. Genau wie vor ein paar Wochen, als Papa gesagt hat, dass er auszieht. (Alle Alarmglocken im Kopf schrillen! Jetzt will er uns gar nicht mehr!) Was? Die arbeiten mit einem Mediator? Aber Papa arbeitet doch bei einer Bank? Und was ist ein Mediator? Kapier ich nicht. Und warum lächeln die immer noch so? 

Ein Fazit. Ich fühle mich besser.

Fazit nach diesem workshop: Schlimmer kann man mit Kindern nicht umgehen. Hier wird einem kleinen Jungen die Verantwortung für die Mutter übergeben, hier müssen Geschwister gegeneinander Partei ergreifen, hier werden Kinder in eine Rolle gedrängt, die sie weder verstehen noch haben wollen.

 

Wenn wir Kindern in einer solchen Situation eine Entscheidung überlassen, dann übergeben wir ihnen auch ein Stück Verantwortung, wenn es nicht funktioniert. Kind sein definiert sich – auch – über eine eingeschränkte Entscheidungsmacht.  Eltern entscheiden, wo die Familie wohnt, ob auf dem Land oder in der Stadt, ob Wohnung oder Haus. Eltern entscheiden über Kindergarten, Schule und Schulform. Die Tragweite solcher Entscheidungen können auch ältere Jugendliche nicht ermessen. Dafür sind wir Erwachsene. Und wenn eine Familie sich neu organisiert, ist es nicht die Aufgabe der Kinder, die Bedingungen zu formulieren.

 

Und wer das Große Gespräch anstrebt, befriedigt vielleicht eher sein eigenes Bedürfnis, unangenehme Sachverhalte damit auch vom Tisch zu haben. Für Kinder ist es das Grauen schlechthin. Kinder stellen mit vier Jahren andere Fragen als mit sechs und mit zehn, die Antworten werden sie also nie endgültig befriedigen. Und sie stellen sie nie in einer eigens einberufenen Familienkonferenz, sondern zwischendurch, gerne wenn man zu spät zum Bahnhof hetzt, morgens um 5 oder wenn man ganz dringend aufs Klo möchte.

 

Vielleicht haben wir doch alles richtig gemacht.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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