Geht fremd!
Geht fremd!

Geht fremd! möchte ich in diesen Tagen allen Familienmediatoren und Wirtschaftsmediatoren zurufen! Verlasst Eure Komfortzone, Eure traute Umgebung, Euren gewohnten Wirkungskreis! Geht dorthin, wo Ihr wirklich gebraucht werdet!

 

Denn Mediation darf nicht länger in der Familienecke und Wirtschaftsecke verkümmern. Auch wenn es schwülstig klingt: Wer Kenntnisse in Konfliktmanagement hat, sollte sich damit in den Dienst der Gesellschaft stellen. Ihr werdet gebraucht.

Ihr ahnt es schon: es geht um die Arbeit mit Geflüchteten.

Denn Deutschland hat sich verändert in dem letzten Jahr. Aber nicht, weil wir, wie uns manche glauben machen, vor lauter Geflüchteten die Füße nicht mehr setzen können. Sondern weil wir uns verändert, wir, die wir in Deutschland leben.

 

Wir verstehen uns nicht mehr. Wir hören einander nicht mehr zu. Wir nehmen von dem anderen stets das schlechteste an. Wir stecken voller Vorurteile, ob nun gegen Syrer oder Sachsen. Wir misstrauen allen, die nicht die gleiche Meinung haben.

 

Wer als Frau in den sozialen Medien Sympathien für die Geflüchteten äußert, darf sich prompt mit den Vergewaltigungsfantasien seiner Mitbürger auseinander setzen.

 

Wer nicht freie Grenzen für alle fordert oder den ausufernden Drogenhandel im Hamburger Schanzenpark kritisch bemerkt, wird als Rassist beschimpft.

 

Was ist los mit uns? Wir haben Angst.

Die alte Tante German Angst

German Angst ist genauso deutsch wie die Bahnsteigkarte, die Ablehnung von Google Street View und das Warten an roten Fußgängerampel ohne Auto weit und breit. Wer in einer bikulturellen Ehe lebt (oder wie ich Untermieter aus fernen Ländern aufnimmt), der weiß: da ist was dran. Wir in Deutschland neigen dazu, unser Umfeld stets und immer kontrollieren zu wollen. Was unkontrollierbar ist, bekommt den Beinamen einer Naturkatastrophe (Flüchtlingsflut! Milchschwemme! Invasion der Miniermotten!)  und macht Angst. Der Ruf wird laut, die da oben müssten doch eingreifen und wenn die da oben das nicht tun, dann aus bösen Willen.

  • Veränderungen machen Angst. Deutschland liegt bekanntermaßen in Mitteleuropa, und das hat seine Vor- und Nachteile. Der Nachteil ist, dass wir seit vielen Jahrhunderten im Zentrum der politischen Entwicklungen stehen: der 30jährige Krieg, die napoleonischen Kriege, die Weltkriege, der kalte Krieg, die Wende: immer stehen die Mitteleuropäer mittenmang. Mögest Du in interessanten Zeit leben – das ist bekanntlich ein Fluch. Derzeit beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, ob emotionale Schockerlebnisse sogar in das Erbgut einfließen. Ob aus einer kollektiven Erfahrung heraus oder aus der DNA: viele Menschen in Deutschland sind zwar unzufrieden, sehen aber in gesellschaftlichen Veränderungen keine Chancen,  sondern haben Angst.
  • Das Unbekannte macht Angst. Die AFD erzielt bekanntermaßen mit dem Flüchtlingsthema dort die höchsten Wahlergebnisse, wo auch bei genauen Hinsehen kaum Geflüchtete zu finden sind. Den Mere-Exposure-Effect kenne ich noch aus der Marketing-Theorie: Was ich kenne, ist mir sympathischer. Das funktioniert vor dem Joghurt-Regal, aber auch in der Menschheitsgeschichte und ist tief in uns verankert.
  • Angst macht Angst. Gerade auf Facebook neigen wir dazu, es uns bequem in unseren Filterblasen einzurichten.  Andere Meinungen, Informationen, die nicht zu unseren Meinungen passen, nehmen wir nicht mehr zur Kenntnis. Wir verlernen das Differenzieren, sondern verstärken unsere vorgefassten Haltungen.  Die gerade auf Facebook kursierenden (oftmals frei erfundenen) Horrorgeschichten über straffällige und gewalttätige Geflüchtete werden weiter und weiter geteilt, während der „Lügenpresse“ vorgeworfen wird, solche Meldungen zu verschweigen.

 

Wie kann man dieser Angst entgegentreten?

Mediation: Konfliktmanagement und Angstmanagement

Die Aufnahme von Geflüchteten in unserer Gesellschaft schafft Konflikte: zwischen den Angekommenen und den Anwohnern, zwischen den ehrenamtlichen Helfern und den Profis, zwischen der Einrichtungsleitung und dem Sicherheitsdienst, zwischen den Geflüchteten untereinander, die so unterschiedlich sind, wie man es nur sein kann.

 

Und das ist erst der Anfang: die Integration in der Gesellschaft, sei es auf dem Arbeitsmarkt oder dem Wohnungsmarkt wird wieder neue Konfliktfelder erschaffen, die uns möglicherweise noch gar nicht bewusst sind.

 

Wir Mediatoren sollten den Finger heben. Mediation im weitesten Sinne sollte bei alle diesen Konfliktfeldern ein fester Bestandteil sein.

 

  • Eine neue Unterkunft soll eröffnet werden: Hier braucht es eine rechtzeitige Kommunikation mit den Anwohnern. Bei Informationsveranstaltungen muss eine erfahrene und mit mediativen Kenntnissen ausgestattete Moderation das Gespräch lenken und den kritischen Stimmen das Gefühl geben, gehört zu werden.
  • Es werden sich mit Sicherheit Anwohnerinitiativen gründen, pro und contra. Ein erfahrenes Mediatorenteam sollte beide Seiten mit der Einrichtungsleitung mit einer Mediation an einen Tisch bringen. Auch wenn die Entscheidung für einen Standort meist nicht zur Disposition steht, haben Befürchtungen ihre Berechtigung und dürfen offen ausgesprochen werden. Vieles kann schon im Vorfeld ausgeräumt bzw. Probleme organisatorisch gelöst werden.
  • Oft ist nach der Eröffnung einer Einrichtung ungeklärt, ob und welche Aufgaben in der Verantwortung von Ehrenamtlichen bleiben. Eine Teamentwicklung kann dafür sorgen, dass beide Seiten, die Ehrenamtlichen und die Angestellten der Träger sich kennenlernen und ihre Rollen finden.
  • Die Security spielt eine wichtige Rolle, gerade weil viele Mitarbeiter aus dem Kulturkreis kommen und die Sprache können. Wie wäre es mit einer Streitschlichterausbildung, ein interkulturelles Training oder einer Supervision?
  • Viele Ehrenamtliche haben im vergangenen Jahr bis über ihre Belastungsgrenze hinaus gearbeitet und sich persönlich (zu) stark involviert. Sie haben Arbeit, Studium und Familie vernachlässigt und oft genug auch ihre Gesundheit vernachlässigt. Oftmals sind sie seelisch belastet, weil sie keine professionelle Distanz finden zu den menschlichen Schicksalen. Sie brauchen dringend eine Supervision.
  • Ein erster Schritt zur Integration von Geflüchteten ist es, Verantwortung zu übernehmen. Warum nicht eine Streitschlichterausbildung für Geflüchtete?
  • Die Kinder der Geflüchteten gehen nun zur Schule. Ein interkulturelles Training für Lehrer und Schüler kann dazu beitragen, dass aus Angst und Zurückhaltung Neugier und Offenheit wird.

 

Ein neues Geschäftsfeld für Mediatoren

Wir beklagen uns, dass Mediation noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Bei Familienkonflikten eine Mediation zu machen, das fällt den meisten immer noch nicht ein. Warum auch, wenn man genauso gut so lange warten kann, bis es zu spät ist, um dann einen Rosenkrieg anzuzetteln? In Wirtschaftsunternehmen ein konsequentes Verfahren für Konfliktbearbeitung zu implementieren: das geht doch nicht! Man könnte ja denken, in diesem Unternehmen gäbe es Konflikte.

 

Nun sind wir aber gefragt. Wir als Mediatoren können einen großen Beitrag dazu leisten, wie unsere Gesellschaft sich in den nächsten Jahren entwickeln wird: ob wir es schaffen – oder nicht.

 

Und wenn genügend Menschen die Erfahrung machen, dass Mediation im weitesten Sinne tatsächlich geeignet ist, Konflikte zu entschärfen, dann können wir hoffen, dass Mediation auch in anderen Kontexten zur Selbstverständlichkeit wird.

 

Wie können Mediatoren aktiv werden?

Die Mediationsbrücke

Wir haben ein Netzwerk gegründet: die Mediationsbrücke! Wir sind Hamburgs Anlaufstelle bei Konflikten in der Arbeit mit Geflüchteten.

Wir sind ein Pool von rund 50 professionellen ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen rund um das Konfliktmanagement. Wir unterstützen Vereine, Träger und Behörden.

Wir bieten Mediation, Supervision, Teamentwicklung, Moderation, Streitschlichterausbildung und vieles mehr.

Wir haben MediatorInnen mit interkultureller Erfahrung.

Wir stehen noch ganz am Anfang, und trotzdem sehen wir, dass wir gebraucht werden. Umbruch Mediation ist ein wenig in den Hintergrund gerückt. Aber ich glaube, es ist eine gute Investition.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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