Gedankenexperiment: Friedensnobelpreis geht an Bäcker!
Gedankenexperiment - Peace Rolls

Die freundliche Mediatorin möchte zu einem Gedankenexperiment einladen.

 

Nehmen wir einmal an, der diesjährige Friedensnobelpreis wäre nicht an Mediatoren, sondern an einen Bäcker gegangen.

 

Und das kam so: Bei den aktuellen Verhandlungen zwischen Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu hätte der Caterer so köstliche Roggenbrötchen geliefert, dass sich die Politiker selig in den Armen lagen und ewige Freundschaft schworen.

 

Nehmen wir weiter an: Erste Ergebnisse der Einigung wurden noch in der gleichen Nacht veröffentlicht – zunächst wurden die israelischen Sperranlagen abgerissen, während die palästinensischen Gruppen zukünftig auf jede Form von Gewalt verzichten. In den folgenden Tagen wurde die Zweistaatenlösung ausgehandelt.

 

Und wegen der zentralen Rolle der Roggenbrötchen wurde die liefernde Bäckerei mit dem Friedensnobelpreis bedacht.

 

Wie gesagt: es ist ja nur ein Gedankenspiel.

 

Aber worauf ich hinaus will:  Es würde eine gewaltige Werbe- und PR-Maschine heißlaufen. Roggenbrötchen hießen ab jetzt Friedensbrötchen / Peace Rolls / Shalom Schrippen und würden in der ganzen Welt angeboten. In jeder Bäckerei und an jeder Litfaßsäule hingen Plakate, die Zeitungen veröffentlichten Kommentare über das Zusammenspiel zwischen politischen Nutzen und gesundheitlichen Nutzen, die Talkshows kennen nur ein Thema.

 

Dann wird das ganze – wie heißt es? – viral! Mit lustigen Memes und noch lustigeren Filmchen auf youtube.

 

Bis auch der letzte begriffen hat, was ein Roggenbrötchen ist und wozu das gut sein könnte. Nicht nur der Bäcker, der die Brötchen geliefert hatte, wäre jetzt reich und berühmt, die Bäckereibranche boomt überall auf der Welt. Und der Faden würde weiter gesponnen: nun werden Liebesbrötchen bei Hochzeiten gereicht, Versöhnungsbrötchen und Dankesbrötchen kommen ebenfalls in Mode.

 

Wie gesagt, ein Gedankenexperiment.

 

Tatsächlich wurde der diesjährige Friedensnobelpreis von einer Gruppe Mediatoren gewonnen. Und das weiß kaum jemand, nicht einmal Mediatoren. In Deutschland wurde in erster Linie wahrgenommen, dass der Preis *nicht* an Angela Merkel ging – dass die Gewinner aber Mediatoren sind, dass wurde immer höchstens in einem Halbsatz mitten im Text erwähnt.

 

Deshalb hier noch einmal ganz deutlich: mit Hilfe von Mediation wurde 2013 in Tunesien, das kurz vor einem Bürgerkrieg stand, eine ganz brenzliche politische Situation entschärft. In anderen Ländern, die am arabischen Frühling teilnahmen, eskalierte die Lage, wie wir alle wissen, auf das Entsetzlichste.

 

Im Juli 2013 wurde ein linker Oppositionspolitiker ermordet. Die säkulare Opposition warf der islamistischen Übergangsregierung vor, die Aufklärung zu verschleppen und drohte mit einem Generalstreik, um die Regierung zum Rücktritt zu bewegen. Houcine Abassi, der Vorsitzende der größten Gewerkschaft Tunesiens,  weigerte sich, zum Streik auszurufen, sondern mobilisierte die Arbeitgeberpräsidentin Bouchamaoui, den Menschenrechtler Ben Moussa und den damaligen Sprecher der Anwaltskammer, Boubaker Bethabet. Gemeinsam schoben sie einen „Nationalen Dialogprozess“ an.  Als erneut ein Oppositionspolitiker ermordet wurde, stand dieser Dialog kurz vorm Scheitern. Aber in Mediationssitzungen, die bis zu 20 Stunden dauerten, konnten die Säkularen und die Islamisten zu einem Kompromiss bewegt werden. Der verfeindeten Parteien einigten sich auf eine neue Übergangsregierung, die eine neue Verfassung verabschiedete, in der Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung verankert sind.

 

Alles gut? Sicherlich nicht. Tunesien leidet immer noch unter dem islamischen Terror und gilt als das Land, aus dem die meisten IS-Kämpfer stammen. Trotzdem: ein Bürgerkrieg mit schrecklichen Blutvergießen konnte verhindert werden. Und es hat sich gezeigt, dass säkulare und islamische Kräfte zusammenarbeiten können – an einem Tisch.

 

Eine genaue Analyse würde helfen, die vielfältigen Möglichkeiten von Mediation auch im politischen Kontext und auch im außereuropäischen Raum bekannter zu machen. Denn Mediation kann viel mehr als das Vermitteln zwischen verkrachten Ex-Ehepartnern. Mediation kann immer eingesetzt werden, wenn Konflikte auftreten – große und kleine. Mediation kann sogar Bürgerkriege verhindern.

 

Wir Mediatoren können gut kommunizieren, denn das gehört zu unserem Beruf. Aber wir sollten auch über uns reden. Denn wenn wir Mediation und ihre großartigen Möglichkeiten bekannter machen wollen, dürfen wir nicht so bescheiden sein. Wir sollten große Brötchen backen, so wie die Bäcker in meinem Gedankenexperiment.

 

 


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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