Die Macht der Erinnerungen
Die Erinnerungen können trügen.

In der Ausbildung hört man häufig, Mediation wäre eine auf die Zukunft gerichtete Methode um Konflikte zu lösen. Das ist richtig und doch nicht ganz. Denn wer eine Lösung für die Zukunft finden will, muss mit der Vergangenheit abschließen. Und das ist gar nicht so einfach, wenn zwei Menschen eine ganz unterschiedliche Erinnerungen daran haben, was diese Beziehung einst ausgemacht hat – und was sie scheitern ließ.

Unterschiedliche Erinnerungen – woran kann das liegen?

Der Traumurlaub des einen war der Horrortrip des anderen.

Es ist ein Basiswissen der Polizeiarbeit, dass Zeugenaussagen sind nur bedingt verwertbar sind. Sprintet ein Bankräuber in ein Fluchtauto und braust davon, werden sich keine zwei Zeugen darüber einig sein, ob der Mann jetzt groß und schlank war oder klein und dick, ob er einen langen Mantel trug oder ein T-Shirt, ob er einen Kombi fuhr oder einen SUV. Genauso wenig werden sich die Erinnerungen an Begebenheiten in einer Beziehung decken. Du hast beim Geburtstag der Nichte folgendes behauptet. So etwas würde ich nie sagen. Denn…

Was wir an der Oberfläche sehen, macht immer nur einen kleinen Anteil aus.

Hier kommt hier wieder unser beliebtes und berühmtes Eisberg-Modell zum Einsatz:  Eine Erinnerung wird immer unterschiedlich empfunden und bewertet, weil sie in Zusammenhang mit allem anderen gesetzt wird, was wir im Leben schon erlebt haben. Eine vermeintlich harmlose Stichelei wird anders empfunden, wenn die Zielscheibe in der Schulzeit Mobbing-Opfer war. Eine Auseinandersetzung ums Geld ist für den einen nur das – für den anderen geht es gleich um Macht, um Autonomie.
Das erstaunliche ist nun aber, dass wir oftmals nicht genug von unserem Partner wissen, um Reaktionen einschätzen zu können. Denn…

Wir kommunizieren nicht. Und wenn, dann nicht ehrlich.

In meinem Familienkreis kursiert die Geschichte vom älteren Ehepaar, das jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang machte – bei jedem Wetter, über Stock und Stein, jahrelang. Bis sie sich gegenseitig eingestanden, dass sie Spaziergänge hassten, und immer dachten, sie würden dem anderen damit einen Gefallen tun. Nie wieder setzten sie einen Fuß vor die Tür.

 

Es gibt ja das schöne Bild, dass man als frisch verliebtes Paar für jedes mal Sex eine Bohne in ein Glas werfen soll. Sind einmal Kinder da, nimmt man jedes mal eine Bohne wieder raus. Das Glas wird niemals leer werden. Niemals.

 

Mit der Kommunikation ist es nicht viel anders. Am Anfang einer Beziehung redet man die Nächte durch, nur stellt man sich meist im besten Licht dar. Sind einmal Kinder da, ist man froh, wenn Ruhe herrscht. Reden? Über das organisatorische, nicht mehr. Sind die Kinder größer und der Schlaf wieder regelmäßig, haben wir das Kommunizieren regelrecht verlernt. Wir reden weder über unsere Bedürfnisse, noch über unsere Ängste, noch über die täglichen Stolpersteine des Zusammenlebens. So kann es passieren, dass lieb gewonnene Gewohnheiten des einen für den anderen eine tägliche Nervenprobe sind- und keiner darüber ein Wort verliert, bis es zu spät ist. Die Zeit der Ehe werden diese beiden dann ganz unterschiedlich bewerten. Du musstest doch merken, wie unglücklich ich war, heißt es am Ende.

 

Die berühmte hidden agenda

So hat jede Trennungsmediation, in der es vordergründig um das Betreuungsmodell für die Kinder, um den Unterhalt und um das gemeinsame Haus geht, eine hidden agenda – ein Thema, das es in Wirklichkeit geklärt werden muss: Wie war unsere gemeinsame Zeit? Wie war ich als Dein Partner / Deine Partnerin?  Was ist unsere gemeinsame Geschichte? Was werden unsere Erinnerungen sein?

Und darin steckt eine Menge. Darin steckt

  • den Ex-Partner zu würdigen (Du bist jetzt nicht mehr der richtige für mich, aber Du warst es mal)
  • das Scheitern der Beziehung zu akzeptieren (im Idealfall: Don’t cry because it’s over, smile because it happened. (Zitat von Dr. Seuss, einem amerikanischen Kinderbuchautoren)
  • einzusehen, dass eine Trennung immer an beiden liegt
  • dem anderen – und sich selbst – zu vergeben
  • falls Kinder aus der Beziehung hervorgegangen sind: den Übergang von der Partnerebene zur Elternebene anzugehen.

 

Erst wenn diese Punkte behandelt sind, können beide wieder in die Zukunft schauen – und neue Beziehungen aufbauen.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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