Die freundliche Familienmediatorin liest ein schlechtes Buch
Knut Bleicher Buch

Wer die freundliche Familienmediatorin kennt, weiß es: sie liest ein Buch nach dem anderen. So many books, so little time.

Warum Zeit für ein schlechtes Buch verschwenden?

Im Urlaub griff sich die freundliche Familienmediatorin unlängst ein Buch aus einem Stapel zurückgelassener Urlaubsbücher. Der Himmel weiß warum: mir sagte weder der Titel Ein Student ging vorbei, noch der Autor Eduard Rhein, der u.a. unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster schrieb, etwas. Völlig zu recht sind Werk und Autor in den Orkus des Vergessens geraten. Alle Kulturpessimisten bitte aufmerken: Es gab zu allen Zeiten hundsmiserable Bücher, nur kennt sie irgendwann keiner mehr!

Die Charaktere sind holzschnittartig und ohne Entwicklung, die Handlung vorhersehbar, die Sprache – nun, es lässt sich auch im Halbschlaf oder angetrunken flüssig herunterlesen.  Kleine Kostprobe?

„Du bist ein Narr!“ Albert zitterte. Seine Hände pressen das Holz des Tisches wie Schraubzwingen. Aus seinen Lippen ist das letzte Rot gewichen.

Trotzdem kann ich das Buch kaum aus der Hand legen.

 

Es wird nicht explizit erwähnt, wann die Handlung spielt – viel Personal, alles raucht und trinkt Alkohol,  „Der Krieg“ wurde erwähnt: irgendwann in den 50er Jahren. Das ist nicht so lange her.

 

Deshalb kommt mir als auch nicht mehr ganz junges Kind alter Eltern die in dem Buch beschriebene Familiendynamik recht bekannt vor.

 

Die Frage, ob jemand „aus erstklassiger Familie stammt“, die rigiden Benimmregeln, die unverhältnismäßige Bedeutung des Aussehens (namentlich für Frauen und Mädchen), die Ehe als alleiniger Daseinszweck für Frauen, das Personal – dies alles hallte in meiner Kindheit noch nach.

  • Was war es für ein Drama, als meine Eltern heirateten – mein Vater war gebildet, fleißig und begabt, trug meine Mutter auf Händen, stammte aber leider nicht einmal aus zweit- oder drittklassiger Familie.
  • Mit einer eleganten Geste nahm meine Großmutter meiner Schwester die Brille weg – „Kind, eine Brille macht dich häßlich!“ Meine Schwester mit ihren nicht eben wenigen Dioptrien tastete sich wie ein Maulwurf durch die Gegend und bekam fürchterliche Kopfschmerzen.
  • Meine Mutter hatte in meinem Alter schon mehrere Fußoperationen – aber eine Dame trug eben Absätze, und zwar den ganzen Tag.

Die Zeiten haben sich geändert. Merke: sie werden sich weiter ändern.

Wir sind heute froh, dass wir diese Zeiten hinter uns gelassen haben. Was wir aber manchmal vergessen – die Zeiten werden sich weiter ändern. Unsere Enkelkinder werden in einer Welt groß werden, die wir uns nicht vorstellen können. All diese Fragen, die heute den Diskurs in den Familien bestimmen, werden in ein oder zwei Generationen überhaupt nicht mehr relevant sein. Es wird andere Fragen geben, und die können wir uns heute nicht einmal vorstellen.

 

Eine Familie ist ja ein System, genau wie ein Unternehmen. Insofern passt das Zitat von Knut Bleicher

»Wir arbeiten in Strukturen von gestern mit Methoden von heute an Problemen
von morgen vorwiegend mit Menschen, die die Strukturen von gestern gebaut haben
und das Morgen innerhalb der Organisation nicht mehr erleben werden.«

Wir Familienmediatoren wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Familie auch anders geht. Wir möchten Traumata durch Familienkonflikte vermeiden. Wir möchten in den Familien einen respektvollen und achtsamen Umgang fördern. Wir wünschen uns, dass Eltern Eltern bleiben, auch wenn sie nicht mehr ein Paar sind. Wir wollen erreichen, dass in Krisen auf die Bedürfnisse der (oftmals) Schwächsten, der Kinder geachtet wird. Gerade die Kinder sollen damit ein Rüstzeug für die Welt bekommen.

 

Aber wir haben keine Ahnung, was für eine Welt das sein wird.


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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