Das Wechselmodell – Ihr müsst jetzt ganz erwachsen sein!
Wechselmodell mit Fröschen

Endlich, endlich wird über das  Wechselmodell diskutiert – das Betreuungsmodell nach Trennung oder Scheidung, bei dem die Kinder ganz oder annähernd fast zu gleichen Teilen bei Mutter und Vater leben.

Ich will auch mal was sagen!

Nur die freundliche Familienmediatorin diskutiert nicht mit, denn sie ist derzeit 2 Tage die Woche damit beschäftigt, freundliche Projektleiterin zu sein. Weitere 2 Tage organisiert sie den 5. Hamburger Mediationstag. Und obendrauf kommen noch die Kunden. Da bleibt wenig Zeit für den Blog, obwohl mir das Thema wirklich am Herzen liegt.

 

Denn treue Leser wissen: dass ich überhaupt Familienmediatorin geworden bin, hängt mit meiner Biografie zusammen. Denn der Vater meiner Kinder und ich, wir leben das Wechselmodell seit mittlerweile 5 Jahren. Ich glaube daher einen Diskussionsbeitrag leisten zu können, aus privater wie auch aus professioneller Sicht.

 

Familien, die sich für das Wechselmodell entschieden haben, hatten bis vor wenigen Jahren noch einen absoluten Exotenstatus.  Auch heute leben nur 4% der Scheidungskinder mit diesem Modell.   Immerhin: inzwischen wird in vielen Familien zumindest darüber nachgedacht. Ob es sich mit der ganz individuellen Familiensituation verbinden lässt – das muss man dann sehen. Aber der Automatismus: Papa und Mama trennen sich, Papa geht zur Tür hinaus und darf die Kinder nur alle vierzehn Tage sehen, der ist weg. Und das kann man erstmal nur gut finden.

Wird diskutiert oder polemisiert?

Soweit, so unaufgeregt. Leider schießen beide Parteien, die Pro- und die Contra-Fraktion, derzeit gehörig übers Ziel hinaus. Die Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH), das Wechselmodell auch dann gerichtlich anordnen (anordnen! nicht prüfen!) zu können, auch wenn ein Elternteil sich definitiv dagegen ausspricht, ist wenig hilfreich. Denn das Wechselmodell kann nur funktionieren, wenn beide es wollen. So einfach (und so schwierig) ist es.

 

Die Gegenseite greift hingegen tief in die Trickkiste der Horrorszenarien. So wird in den Raum gestellt: „Viele der betroffenen Kinder sind z.T. schwer erkrankt mit folgenden Diagnosen: Enuresis, Depressionen, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Essstörungen, Burnout. Eltern berichten uns von Fällen, bei denen die Erkrankungen teilweise so schwer verlaufen, dass intensivmedizinische Behandlungen nötig werden oder die Schule abgebrochen werden muss. Bei Beendigung des Wechselmodells verschwinden die Symptome der Erkrankungen in der Regel.“

 

Ich will nicht in Abrede stellen, dass es solche Fälle gibt. Aber grundsätzlich macht man Kinder unglücklich, wenn man sich als Eltern bis aufs Blut bekämpft und die Kinder in den Konflikt mit hineinzieht – und das kann man mit jedem Betreuungsmodell. Das kann man sogar auch, wenn man sich gar nicht trennt!

 

Es könnte so einfach sein: Jede Familie ist anders. Jede Betreuungssituation ist anders. Was in der einen Familie funktioniert, kann in der anderen Familie ganz gewaltig in die Hose gehen. Für jede Familie muss eine individuelle Lösung gefunden werden. So. War das so schwer?

Wie war denn das bei mir?

In der Phase, in der Vater meiner Kinder vom Ehemann zum Ex-Ehemann mutierte, habe ich vieles, vieles nicht verstanden. Als würde er plötzlich chinesisch sprechen, als würde er ritualisierte Stammestänze aufführen – wäre ich nicht emotional doch ein Stückchen involviert gewesen, ich hätte es mir mit den interessierten Augen einer Anthropologin angesehen. *Warum* in drei Teufels Namen macht er das? Und sagt jenes? Beispiele würden Rahmen des Textes und Maßgaben der Fairness sprengen, sorgen aber im privaten Kreis auch heute noch für Staunen und Heiterkeit. Er hat was?!

Den Kindern ein Vater bleiben 

Eines habe ich jedoch verstanden. Dass er den Kindern Vater bleiben will.

 

Vielleicht hatte ich – ich befand mich da gerade in der Ausbildung zur Mediatorin – den Perspektivwechsel schon gut verinnerlicht. Ich hätte es mir selbst nicht für eine Sekunde vorstellen können, die Kinder nur noch jedes zweite Wochenende und einen Nachmittag die Woche zu sehen. Von der Mama (oder dem Papa) zum Geschenkeaugust zu mutieren, der alle vierzehn Tage einmal reinrauscht, die Taschen voll mit LEGO und Schokolade und Eintrittskarten für den Zoo, aber ansonsten sich bitte vom Acker zu machen hat. Mensch, groß seid ihr geworden! Der, so lange die Kinder zu klein sind, um selbständig zu Türklinke und Telefonhörer zu greifen, für jedes Fitzelchen Informationen ausgerechnet auf der ganzen Welt auf den Ex-Partner angewiesen ist. Wie war das Zeugnis? Seit wann trägst Du eine Zahnspange?! *rhetorische Übertreibung, ich weiß.

Ich bin nicht allein

Wir haben also von Anfang an das Wechselmodell gelebt, und natürlich hat dies für mich auch Nachteile. Ich habe aber auch einen großen, großen Vorteil daraus gezogen: Ich bin nicht alleinerziehend.

  • Ich habe nicht diese knochentiefe Erschöpfung, die für fast alle Alleinerziehenden auf Jahre den Alltag bestimmt.
  • Ich konnte meine Selbständigkeit vorantreiben, und zwar nicht nur nachts, wenn die Kinder schlafen, und ohne dabei wahnsinnig zu werden.
  • Ich war in den letzten Jahren tatsächlich im Kino, im Theater, auf Ausstellungen und bei politischen Veranstaltungen – anders als in den Jahren als Ehefrau.
  • Ich hatte sogar Zeit und Muße, mir einen jungen Mann zu suchen, und nichts ist besser für das Seelenheil einer mittelmäßig attraktiven geschiedenen End-Vierzigjährigen mit zwei Kindern.

 

Ich liebe meine Kinder mehr als alles in der Welt. Und der geneigte Leser versteht das Augenzwinkern, wenn ich sage: Beim Wechselmodell freut man sich über die Kinder immer zweimal. Wenn sie kommen. Und wenn sie wieder gehen.

 

Herausforderungen, Gefahren und Zumutungen!

Dass das Wechselmodell gespickt ist mit Herausforderungen, Gefahren und Zumutungen für alle Beteiligten – so ist es.

 

Dass wir den Kindern mit dem Wechselmodell etwas zumuten, was wir als Erwachsene in aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bereit wären zu leisten – nämlich ständig mit dem Koffer in der Hand von einer Wohnung zur anderen zu ziehen – vollkommen richtig.

 

Dass es gefährlicher Blödsinn ist davon auszugehen, man müsse den sich in Trennung befindlichen Eltern nur das Wechselmodell vorschreiben, und schon wird alles gut – wir sind uns alle einig.

 

Oh – ein Cliffhanger!

Mehr zu den Risiken und den Gefahren, den Chancen und dem Charme des Wechselmodells… demnächst auf diesem Blog!


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
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