Darüber lesen: Richard Yates: Revolutionary Road
revolutionary road

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu;

Und wem sie just passieret,

Dem bricht das Herz entzwei.

 

Heinrich Heine

 

Man sagt ja, dass es in der Literatur nur wenige grundlegende Motive gibt: Liebe, Tod, Leben, Hybris, Abenteuer, Entwicklung. Wer ein Buch schreibt, kann mit dem Thema Scheidung, Trennung oder Familienkonflikte also gar nichts falsch machen, fünf der sechs Motive sind von vorneherein schon abgehakt,  den Tod kann man optional auch noch dazu nehmen, das macht es noch spannender. Dazu ist das Thema völlig zeitlos, man kann es ansiedeln, wann man will,  denn Beziehungen wurden schon immer in den Sand gesetzt und das wird sich auch niemals ändern.

 

Als Leser oder Leserin dem oben erwähntes jüngst passieret ist, habe ich wiederum eine unendliche Auswahl an Büchern, Dramen, Novellen, Gedichten, die dieses Thema behandeln, und manchmal hilft es, darüber zu lesen, wenn das Buch hier und da einen klugen Gedanken bereit hält. Manchmal sollte man aber auch die Finger davon lassen.

 

In diesem blog möchte ich in der Folge einige Bücher zu diesem Thema vorstellen, ein paar Klassiker, ein paar Neuerscheinungen, bekanntes und unbekanntes, es wird für jeden etwas dabei sein.

 

Da die freundliche Mediatorin den Anspruch hat, all diese Bücher zunächst zu lesen / ein weiteres mal zu lesen, werden die Pausen zwischen den blogeinträgen in dieser Kategorie beträchtlich sein.  Den Anfang möchte ich mit einem Buch machen, das ich jüngst mit meinem Literaturkreis gelesen habe, nicht ohne Hintergedanken habe ich es vorgeschlagen. Obendrein habe ich noch die dazugehörige DVD gekauft und den Film erst neulich beim Bügeln gesehen: was für ein Einsatz!

 

Richard Yates: Revolutionary Road / Zeiten des Aufruhrs

 

Hochgelobt von Schriftstellern und Kritikern ist dieses Buch dennoch beinahe in den Orkus des Vergessens geraten. Stewart O’Nan hat in einem lesenswerten Essay in der Boston Review den Werdegang des Autoren nebst einiger seiner Werke vorgestellt, und stellt (als Schriftsteller) die bange Frage, wie es passieren kann, dass ein so hervorragender Autor so krachend und vollständig erfolglos bleibt. Denn Revolutionary Road wurde von den Kritikern hochgelobt, fand sich auf der short list für den National Book Award, verkauft wurden am Ende nicht einmal 12.000 Exemplare. 1999, als der Essay geschrieben wurde, konnte man Yates‘ Bücher nur noch mit Glück antiquarisch erhalten, glücklicherweise wurde es auch dank der Verfilmung wiederentdeckt.

 

Aber nun zum Buch: Mitte der 50er Jahre in einer amerikanischen Vorstadt von New York angesiedelt, beschreibt Yates das junge Ehepaar Frank und April Wheeler, beide um die dreißig: Er sitzt unterbeschäftigt seine Stunden im Großraumbüro ab, sie ist Hausfrau, zwei Kinder, ein Haus, ein Auto, ein Fernseher. Allerdings: Frank und April sind nicht die langweiligen Vorstadtmenschen, die sich mit ihrer banalen Existenz zufrieden geben, und damit den Intellektuellen reichlich Gelegenheit für Hohn und Spott liefern. Frank und April halten sich selbst für Intellektuelle, die ja viel mehr Tiefgang haben als ihre Nachbarn, Freunde und Kollegen, in der Vorstadt leben sie nur der Kinder wegen, und wenn sie nur die Gelegenheit hätten, dann würden sie…

 

Und hier treibt es dem Leser das erste mal die Schamröte ins Gesicht, denn wer kennt es nicht, das Gefühl doch irgendwie was besseres zu sein als die ganzen Durchschnitts-Schwachmaten um einen herum.

 

So hatte ja April eigentlich ihre Schauspielambitionen, aber gleich im ersten Kapitel wird ihr dieser Zahn recht schmerzhaft gezogen, denn ihre Laienschauspieltruppe, und allen voran April selbst, verhebt sich bei der Aufführung von Der versteinerte Wald doch ganz erheblich.

Und Frank… hat sich noch nicht so recht entschieden, wo nun seine Talente liegen sollen. Er perfektioniert im Spiegel den Eindrucksvollen Blick, und kann ganz amüsant erzählen, wie dumpf seine Arbeit und wie dumpf seine Kollegen sind, aber seine Freunde haben das nun schon -zigmal gehört und April noch viel, viel öfter. Würde ihm aber nun das bedingungslose Grundeinkommen in den Schoß fallen, er wüsste trotzdem nichts mit seiner Zeit anzufangen.

 

Und schon wieder wird der Leser rot, denn von der Vorstellung, in uns würde was ganz besonderes schlummern, müssen wir uns ja fast alle irgendwann verabschieden, und bei so manchem ist es gar nicht so lange her. So langsam kann man ja verstehen, warum das Buch sich nicht verkauft hat.

 

Was machen Frank und April in dieser Situation? Zunächst gehen sie sich gegenseitig gewaltig auf den Zeiger. Die gegenseitige Bewunderung (Oh Frank! You are the most interesting person I’ve ever met!) hat sich gelegt, eine liebevolle Akzeptanz der eigenen Schwächen und der Schwächen des anderen hat sich nicht eingestellt.  Jeder für sich fühlt sich in seiner Sackgasse, jeder gibt dem anderen Schuld, und wenn nur diese Kinder nicht wären. Gab es je ein überzeugenderes Argument, spät zu heiraten und noch später Kinder zu bekommen?

Was machen Frank und April nicht? Darüber reden.

 

„Wherever you are, there you are“ war ja noch nicht Allgemeingut, und so schlägt April vor, nach Paris überzusiedeln, dort eine Arbeit anzunehmen und Frank die Möglichkeit zu geben, erstmal zu überlegen, worin seine wahre Berufung liegt.

Diese von keiner Realität geprüfte Vorstellung schweißt das Paar zunächst wieder zusammen. Nun sind sie wieder die coolen Wheelers, haben ein Gesprächsthema und eine Vision.

Allerdings beschleichen Frank zunehmend Zweifel, ob er diesem gerecht werden würde. Die Worte seines Kollegen, warum er seine Berufung denn ausgerechnet in Paris und nicht in New York finden sollte, klingen ihm noch in den Ohren, mit seinen im Krieg angeeigneten Französischkenntnissen ist es nicht so weit her, wie er es gegenüber April dargestellt hat, das Mädel aus dem Sekretärinnen-Pool, mit der er was angefangen hat, guckt ihn bewundernd an, und ganz aus Versehen und zufällig will sich tatsächlich so etwas wie beruflicher Erfolg bei ihm einstellen.

Was machen Frank und April auch diesmal nicht? Darüber reden.

Als April ungewollt schwanger wird und ihre ganzen Pläne hinfällig werden, ist Frank gar nicht so unglücklich darüber…

 

2009 erschien die Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio in den Hauptrollen, also sinnigerweise dem Liebespaar aus Titanic. Wie so oft reicht der Film reicht meinem Geschmack nach nicht an seine Vorlage ran, wenn die Konflikte der Darsteller ausgelotet werden. Dafür liefert er Bilder aus einer Zeit, in der Männer immer Hut und Anzug und Frauen immer Kleid und Absatz trugen, in der ununterbrochen – auch während der Schwangerschaft  – geraucht und getrunken wurde und Kinder bestensfalls gesehen, aber niemals gehört werden sollten, auch nicht im übertragenen Sinne. Immerhin, die Autos waren schöner.

 

Hier findet der werte Leser die deutsche Ausgabe und hier die Ausgabe im Original, aber nur gucken und dann bei der örtlichen Buchhandung bestellen, nicht wahr?


Umbruch by Hamburger Mediatorin - Sophie Löffler
"; t.type = "text/javascript"; t.async = true;e.getElementsByTagName("head")[0].appendChild(t)})(document)